Selber Trainer: "Wir hatten auch etwas Glück"

ESVB verlor spannendes und kampfbetontes Oberfrankenderby in der Verlängerung mit 5:6 / Schiri in der Diskussion

Von Siegfried Zerrenner

Auch im dritten Anlauf kam der ESV Bayreuth nicht zu seinem ersten Saisonsieg gegen den Nachbarrivalen ERC Selb. Im spannenden, hart umkämpften und fairen Oberfrankenderby fiel die Entscheidung vor knapp 3000 Zuschauern nach 212 Sekunden Verlängerung. Und die Szene passte exakt ins Strickmuster knapper ESVB-Niederlagen in Schlussphasen: Die Gäste nutzten eine kurzzeitige Konfusion der einheimischen Defensive. ERC-Passgeber Körner war am rechten Flügel von Verteidiger Katz nicht zu bremsen und Torschütze Crombeen konnte frei stehend zum 6:5 (1:3, 3:2, 1:0) für die Gäste vollstrecken.

"Ein Foulspiel war vorher vom Schiedsrichter nicht gepfiffen worden", begründete ESVB-Trainer Hans Rothkirch die entscheidende Konzentrationsschwäche seines Teams, mit dem er letztlich nicht unzufrieden war. "Auf diese gute Leistung kann man aufbauen, aber ich erwarte sie künftig in jedem Spiel, schließlich ist nicht jeder Gegner so stark wie die Selber. Freilich hatten war Pech, dass Bärnreuther beim Zwischenstand von 5:4 nur den Pfosten traf."
Auch Gästetrainer Tapio Rautalammi geizte nicht mit Komplimenten für den Nachbarn: "Bayreuth hat besser gespielt als in den bisherigen Duellen. Wir sind daher froh über diese beiden Auswärtspunkte, aber letztlich hatten wir auch etwas Glück gehabt. Mein Team hat sich von Drittel zu Drittel gesteigert."
Tatsächlich waren die "Tigers" noch nie in dieser Saison so nahe an einem Sieg über die Porzellanstädter. Sie ließen sich vom 1:0 der Gäste in der 4. Minute nicht aus dem Konzept bringen, als Scott mit tollem Einsatz und glücklichen Umständen für Rich auflegte. Die Einheimischen zeigten Zweikampfstärke und Übersicht in der Defensive und profitierten bei ihrem Doppelschlag in der 15. Minute von Schwächen des Selber Ersatztorhüters Schneider. Nach einem folgenden Unterzahltreffer von Polaczek zum 3:1 (19.), der obendrein in der 28. Minute mit einem Traumsolo aus dem eigenen Angriffsdrittel zum 4:1 die Selber Defensivabteilung alt aussehen ließ, schien der ESVB in der Erfolgsspur. 44 Sekunden nach dem Selber 2:4 antwortete Cmunt mit dem 5:2. Der 3-Tore-Vorsprung währte allerdings nur 40 Sekunden. Verteidiger Zimmermann hatte gegen Scott das Nachsehen und ERC-Torjäger Crombeen verwertete die Vorlage.

Umstrittene Strafzeiten

Für den ESVB-Vorsitzenden Michael Böhner war Schiedsrichter Bettermann, der nach Spielende vor aufgebrachten Fans geschützt werden musste, möglicherweise das Zünglein an der Waage. "Ich hatte das Gefühl, dass er etwas mehr gegen uns gepfiffen hat", äußerte er sich dennoch diplomatisch.
Unbestritten steht der Bruch im Spiel der Einheimischen im engen Zusammenhang mit dem Unparteischen, der ESVB-Kapitän Kolek in der 32. Minute eine 10-Minuten-Disziplinarstrafe verpasste. Über den Grund darf spekuliert werden, zumal der Schiedsrichter auf höfliche KURIER-Anfrage nach Spielschluss eine Antwort verweigerte: "Ich gebe grundsätzlich zu Spielen keine Kommentare zur Presse!"
Für "Sünder" Kolek passte diese Äußerung ins Bild: "Unmittelbar nach dem 2:5 sprach ich den Schiedsrichter an, er möge eine Korrektur des Assistenten beim Bayreuther 5:2 vornehmen. Er sagte, ich soll weggehen. Als ich nach dem folgenden Bully einen Torschuss abzog, bekam ich die Strafe, weil der Schiri meinte, ich hätte auf ihn gezielt." Nicht nur für den Kapitän wirkte der Unparteiische arrogant. "Wir werden allerdings keinen Protest einlegen", meinte Vorsitzender Böhner, obwohl Kolek (dritte 10-Minuten-Strafe) ein Spiel pausieren muss.
Die Selber verkürzten auf 4:5 und sie profitierten auch davon, dass Schiri Bettermann in der Folge bei ihren Fouls im Grenzbereich stets ein Auge zudrückte. Doch beim Vorstoß von Reja in der 52. Minute lieferten die Kameras von Oberfranken-TV den zweifelsfreien Beweis eines Wittig-Fouls, das ungeandet geblieben war. Dann wiederum ließ er nach einer Wittig-Abwehraktion gegen Polaczek (57.) das Spiel weiterlaufen, und verhängte erst nach einer anschließenden Rangelei eine nachträgliche Strafe gegen Wittig.

Gast behielt klaren Kopf

Bei der anschließenden Hektik behielten allerdings die Gäste klaren Kopf: Der schussstarke Verteidiger Jonak schnappte sich im eigenen Drittel die Scheibe und fand mit einem Hammer von der blauen Linie den "Winkel". Das 5:5 schien nicht unhaltbar für Torwart Schmidt, doch auch seine Vorderleute ließen den Gast gewähren. Ansonsten ist dem tüchtigen Juniorenkeeper, der den verletzten Nachtmann ausgezeichnet vertrat, kein Gegentor anzulasten. Mit tollen Reaktionen hatte er im ersten Drittel bei Schüssen von Rich (11.), Wittig (13.) und Crombeen (14.) einen frühen klaren Rückstand verhindert. Andererseits: Sein Beinstellen (33.) führte in Unterzahl zum 4:5-Anschlusstor.
Ebenso unnötig und in der spannenden Endphase sogar dümmlich war Rejas Revanchefoul in der 55. Minute, nachdem er vorher von König mit einem Ellbogenschlag attackiert worden war. Dies war allerdings so ziemlich die einzige auffällige Aktion des Kanadiers, der zusammen mit dem uneffektiv auf der Eisfläche umherbreschenden Michailov als Ausfall im ersten Block bezeichnet werden muss. Das Duell mit Selbs Paradereihe wurde mit jedenfalls mit 1:5 Toren eindrucksvoll verloren.

Starker Polaczek

Die beste Bilanz seit vielen Wochen verzeichnete die zweite ESVB-Sturmformation, in der Polaczek (2 Tore) eine überragende Leistung zeigte. In der 39. Minute hätte er bei einem Geschenk des Selber Torhüters zum Matchwinner avancieren können. Das 6:4 hatte auch der wieder erstarke Bärnreuther (Pfostenschuss/53. Min.) auf dem Stock, während Cmunt als Vorbereiter zum 3:1 und Vollstrecker zum 5:2 einige Kritiker überzeugte.
Leider kamen vom dritten Block der Wagnerstädter erneut keinerlei Impulse. Die Tatsache, dass auch Selbs dritte Formation wenig riss, sollte nicht befriedigen. Wann platzt endlich beim DEL-Zugang Meyer der Knoten? In dieser schwachen Form nimmt er nur den Platz für die Junioren Trolda und Häußinger weg. Mit Besonnenheit bei der Rangelei in der 57. Minute hätte Herrmann eine Strafzeit vermieden und möglicherweise für eine Überzahlsituation gesorgt.
In der Verteidigung hinterließ der mit einer Spezialbandage nach langer Verletzungspause mitwirkende Zimmermann einen stärkeren Eindruck als Katz, während bei Kulczynski aufsteigende Tendenz zu erkennen war.
Auch bei Selb war mit Ausnahme des ersten Blocks nicht alles Gold, was glänzte. Der neu verpflichtete frühere polnische Nationalstürmer Adamus (vorher EV Landshut) wirkte nach langer Wettkampfpause noch wie ein Fremdkörper.



Quellen: Nordbayerischer Kurier, EHC Bayreuth, Bayreuth Tigers GmbH